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Zwischen Pitons und Drive in Vulkan

Reisebericht St. Lucia, Karibik


Liegt es an meinem verwilderten Dreitagebart oder baut Nikon seit kurzem Objektive im Handgranatendesign? Der Sicherheitsbeamte überhört gekonnt meine Frage und prüft stattdessen penibel meine Kamera auf Sprengstoffrückstände. Bei jedem Flug muss meine treuverbundene Kamera das über sich ergehen lassen und wie jedes Mal ist sie clean. Frisch durchgecheckt dürfen wir dann endlich in den Flieger einsteigen. Saint Lucia, das mangoförmige Eiland in der Karibik, flackert bereits auf den Bildschirmen. Nach guten neun Stunden kreisen wir das erste Mal um die Insel. Dichte Wolken verwehren jeden neugierigen Blick. Nur die Spitzen der Pitons, die markanten Felsen an der Westküste, ragen erhoben hervor. Das Paradise begrüßt uns mit tropisch, grünen Regenwäldern und heftigen Schauern.



Die Wettervorhersage ist niederschlagend. Eine riesige Regenfront hat sich über der Karibik ausgebreitet und peitscht mit warmen Winden und sintflutartigen Regenfällen auf uns ein. Wer hier braun werden will, braucht eine Familienpackung Selbstbräuner. Die Strände sind wie leergefegt, das Wasser vom Sand grau aufgewühlt und inzwischen hat unser tropischer Regensturm auch einen Namen, Rafael. Gute zwei Tage regnet es fast ohne Unterbrechung und wir haben unsere Urlaubslektüre längst durchgelesen. Danielle und Steve, die Besitzer des Boiled Frog Guesthouse, unserer sympathischen Unterkunft direkt am Choc Beach, versuchen uns aufzumuntern und verwöhnen uns mit lokalen Speisen und Getränken. In einer kurzen Regenpause fahren wir ins nahegelegene Castries. Die Hauptstadt von St. Lucia hat einige Markthallen und Duty Free Geschäfte. Wie sich herausstellt, nichts Aufregendes. Auf dem Markt werden zu viele Made in China Souvenirs angeboten und in den Geschäften die üblichen Markenartikel, die man auch an jedem gut sortierten Flughafen findet. Melancholisch kauern wir uns unter dem Regenschirm zusammen und schlendern am Hafen entlang. Im tristen Grau will einfach kein Karibik-Feeling aufkommen. Alles wirkt verwahrlost und abgenutzt. Es ist Freitagabend und der allwöchentliche Jump-up in Gros Islet scheint ins Wasser zu fallen. Unerschrocken machen wir uns trotzdem auf den Weg. Normalerweise sind die engen Straßen an diesem Tag der Woche gefüllt mit Menschen, Lautsprechern und Barbecues. Doch Rafael hat auch hier seine Spuren hinterlassen. Müde sitzen einige Feierlustige in den Bars und wippen apathisch zu den Reggae Beats. Wir genehmigen uns ein paar Pitons, das einheimische Bier mit den Bergen auf dem Emblem und essen gegrillten Fisch. Auf dem Heimweg durch strömenden Regen, werden wir im Bus mit der Frage: "Enjoying our hurricane season?" begrüßt.


Der nächste Morgen startet vielversprechend. Zwar noch kein Sonnenschein, aber immerhin regnet es nicht mehr. Wir packen unsere Strandtasche und fahren nach Pigeon Island, einem historischen Nationalpark. Auf den zwei spitzen Bergen, befindet sich eine britische Festung aus dem 18. Jahrhundert, mit traumhaftem Blick über die Westküste und bis nach Martinique. Verrostete Kanonen sind die letzten Zeugnisse der vielen Kämpfe zwischen dem Vereinigten Königreich und Frankreich. 14 Mal wechselte der Besitz von Saint Lucia zwischen den beiden Seefahrermächten, bis schließlich das Vereinigte Königreich den Anspruch auf die Insel zugestanden bekommen hat.
Am Fuß der Berge erstrecken sich herrliche Buchten, denen wir nicht wiederstehen können. Kaum im Wasser, erbarmt sich das Wetter und der Himmel reißt auf. Der erste Sonnenschein, alles wirkt gleich so viel farbenfroher, kontrastreicher und karibischer. Ungläubig blinzeln wir nach oben und genießen die warmen Sonnenstrahlen auf unserer nassen Haut. Der tropische Regensturm ist nun endgültig vorbeigezogen und mehrere regenfreie Tage erwarten uns. Die Gelegenheit, endlich die Insel auf eigene Faust zu erkunden. Spontan mieten wir einen Offroader für den nächsten Tag.


Ein Suzuki Jimmy, mit goldenem Lack und einigen Dellen, wird uns bei der Inselumrundung zur Seite stehen. Wir wollen am Morgen die Ostküste entlangfahren, um abends den Sonnenuntergang an der Westküste genießen zu können. Die Fahrt beginnt im Stau von Castries. Die Hauptstadt scheint das stop and go Mekka der Insel zu sein. Perfekt um sich im kleinen Jimmy an den Linksverkehr zu gewöhnen. Es gibt nur eine Hauptstraße um St. Lucia, die großzügig auf Straßenschilder, Ortschilder und Geschwindigkeitshinweise verzichtet. Von Castries geht es einmal quer durch den Regenwald. Der Nebel hängt in den farnbedeckten Bergen, die Straße dampft und wir transpirieren gemeinsam mit der üppigen Vegetation. An der schroffen Atlantikküste, wird man mit herrlichen Ausblicken belohnt. Oft halten wir an und schießen Fotos. Der Osten von St. Lucia ist nicht so dicht besiedelt und nur wenige Hotels hat es auf diese Seite der Insel verschlagen. Leuchtend blau heben sich die Plastiktüten der Bananenplantagen vom einheitsgrün der Insel ab. Sie dienen zum Schutz der kostbaren Frucht. Saint Lucia hat sich zum größten Bananenexporteur der nördlichen Antillen hochgewirtschaftet und vertreibt alles, was man aus Bananen nur herstellen kann. Eiscreme, Likör, Wein, Marmelade und das gelbes Bananenketchup. Letzteres schmeckt besonders gut zu gegrilltem Fisch und ist ein echter Verkaufsschlager unter Touristen. Neben Bananenplantagen, Wasserfällen und reicher Natur, findet man besonders im Süden schneeweiße Sandstrände, wie den Sandy Beach, unweit des internationalen Flughafens. Auch wir machen eine kurze Rast und erfrischen uns im türkiesblauen Wasser. Vom Strand sieht man schon den Leuchtturm von Vieux Fort, klar dass wir da hoch müssen. Unser Jimmy quält sich den mühsamen Weg auf 225 Höhenmeter. Der südlichste Punkt der Insel, entschädigt mit einem fantastischen Blick. Man kann von hier nicht nur weite Teile von St. Lucia sehen, sondern auch die Nachbarinsel St. Vincent.



Die Westküste ist das touristische Epizentrum, nicht nur wegen dem einzigen Drive in Vulkan der Karibik. Schon von weitem riecht man die schwefelhaltige Luft, die nach verfaulten Eiern schmeckt. Mit dem Auto kann man direkt bis zum eigentlichen Spektakel vorfahren. Das Gestein hat eine schweflich, gelbe Farbe und die aschbraunen Schlammlöcher köcheln fröhlich vor sich hin. Es dampft und brodelt und man fühlt sich etwas unsicher, auf einer Insel, mit der Größe von Berlin und einem rumorenden Vulkan. Aber uns wird versichert, solange es noch dampft, brodelt und stinkt, sei alles in Ordnung. Wenn es mal nicht so sein sollte, wäre rennen angesagt.
Darauf wollen wir nicht warten und setzten stattdessen unsere Reise fort. Vom Vulkan geht es zum Tal der Pitons. Das dunkle Bergmassiv, des erkalteten Vulkankerns Petit Piton, scheint die Hitze der Sonne nur so aufzusaugen. Im Tal zwischen den Vulkanzwillingen, ist es brechend heiß. Sicherheitskontrollen verwehren den Weg zum Strand. Das Jalousie Plantation Resorts, eines der teuersten Hotels auf St. Lucia, hat sich im Tal ausgebreitet. Man notiert unser Kennzeichen und macht sich Notizen, erst dann lässt man uns passieren. Der Strand liegt geschützt am Fuße der Pitons und wirkt surreal. Teure Restaurants, luxuriöse Strandliegen und ein Sand, der so weiß ist, als wäre er gerade aus einer Salzwüste eingeflogen. Tatsächlich hat Saint Lucia eher dunkle Strände, aufgrund des Vulkangesteins, aber hier scheint man davon nichts wissen zu wollen. Unsere Recherchen ergeben, dass der Sand importiert wurde, da der heimische in der Mittagsonne einfach zu heiß wird. Auf einer karibischen Insel Sand zu importieren, empfinden wir als zu dekadent und fahren lieber weiter nach Soufriere. Das kleine Fischerdorf mit seinen engen Gassen, strahl noch authentische Lebensfreude aus. Sicher umhüllt von Bergen, liegt es an einer malerischen Bucht. Auf den Strassen verkaufen Frauen lokales Obst und Gemüse.
Die Abzweigung zur Anse Chastanet liegt gut versteckt am Ende der Stadt. Ein steiler Feldweg mit tiefen Schlaglöchern versteckt einen der schönsten Strände der Insel. Heißer, schwarzer Vulkansand, der in der Sonne funkelt wie Diamanten. Palmen, die sich sehnsüchtig zur Küste neigen und über Hängematten miteinander verbunden sind. Ein Strand zum niederkniehen und träumen. Wir möchten am liebsten gar nicht mehr weg, aber schon bald wird es dunkel und der Weg zurück nach Castries ist lang und kurvenreich. Wir satteln unseren Jimmy zur letzten Etappe und fahren in den Sonnenuntergang. Morgen wechseln wir vom Auto auf's Boot, tauschen Lenkrad mit Taucherbrille und warmes, abgestandenes Wasser mit kühlen Rummischungen. Um ehrlich zu sein, ja, wir genießen die Hurrikan Saison.


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