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Spiritualität durch Bürokratismus

Reisebericht Goa, Indien


Will sich Indien vor Touristen schützen, oder ist das die erste Stufe zu höherer Spiritualität? Die Beantragung des Touristenvisums für Goa, raubt mir den letzten Nerv. Fünf Seiten mit peniblen Fragen zu meiner Person, meinem Umfeld, meiner Familie und meinen Gründen für die Einreise. Nein ich bin nicht bei der pakistanischen Armee und habe auch keine pakistanischen Verwandten, zum vierten Mal klicke ich diese Frage jetzt schon genervt an. Jedes Mal wenn ich das Internetformular absenden will, bricht der Server zusammen und ich muss von vorne beginnen. Auf die Frage, welche Länder ich in den letzten zehn Jahren bereist habe, bekomme ich einen Wutanfall. Als ich das Feld zum ersten Mal ausgefüllt habe, war ich noch euphorisch. Ich habe durch meinen Reisepass geblättert und alle Länder chronologisch nach dem Einreisedatum aufgeführt. In zehn Jahren kommt einiges zusammen, besonders wenn der Pass so viele Stempel hat, wie ein Kirmesboxer blaue Flecken. Beim zweiten Anlauf, war ich schon leicht genervt, beim Dritten stark gereizt und beim Vierten habe ich mich über mich selbst geärgert, dass ich nicht von der Copy- und Paste-Funktion Gebrauch gemacht habe. Beim fünften Versuch hat der Upload funktioniert und ich war zumindest auf dem Server registriert. Anschließend folgten nur noch mehrere Ausdrucke und Unterschriften von verschiedensten Formularen, eine satte Visagebühr von 63,78 Euro und Passbilder in amerikanischem Format. Vielleicht ist dieser Bürokratismus auch nur die erste Lektion zu innerer Ruhe und Gelassenheit. Karate Kit hat ja schließlich auch mit Autopolieren angefangen und nicht gleich mit dem Todesschlag.



Die zweite Lektion folgt direkt nach der Landung, am Flughafen von Vasco da Gama. Um vier Uhr in der Früh stehen wir ausgelaugt an der Passkontrolle. Nonchalant prüfen die Beamten jeden Pass auf Form, Farbe, Größe, Aussehen und dem unerlässlichen Einreisevisum. Indien zwingt uns förmlich, einen Gang zurückzuschalten, die neuen Gerüche und Eindrücke auf uns wirken zu lassen und uns zu entspannen. Erst Stunden später sind wir endlich in Freiheit und blickten ratlos in den dunklen Morgen. Der Mond leuchtet erschreckend rot, fast wie in einer Folge von Twilight oder einem alten Bram Stoker Film.
Wir haben kein Ziel, keine Unterkunft, keinen Plan und entschließen uns daher spontan, mit ein paar Deutschen nach Vagator zu fahren. Vagator liegt im Norden von Goa und ist ein beschauliches Fischerdorf. Zu Fuß hat man alles innerhalb von einer guten Stunde gesehen. Aus einfachen Bretterbuden verkaufen Einheimische das Übliche an alternativer Bekleidung. Weite Alibaba- und Fisherman-Hosen, bunte Leinenshirts und geräumige Strandtücher. Da wir nur mit leichtem Handgepäck reisen, sind wir wenig an den angebotenen Waren interessiert. Wir testen lieber frischen Fisch und kühles Kingfischer Bier. Ein paar Inder laden uns auf ein Glas Fenny ein. Der klare Schnaps aus Cashewnüssen ist eine Spezialität und darf auch nur in Goa vertrieben werden. Der Geschmack bleibt allerdings gewöhnungsbedürftig. Der Abend in Vagator ist ebenso ruhig wie verschlafen. Wir schließen uns einer Gruppe Osteuropäer an, die zu einer Goa Party unterwegs sind. Leider kommt uns die indische Polizei zuvor und sprengt kurzerhand die Feierlichkeit. Es hilft nichts, zurück nach Vagator und hoch die Tassen. Ein feuchtfröhlicher Abend mit unseren neuen russischen Freunden steht an.


Am nächsten Morgen fahren wir, noch stark verkatert, nach Arambol. Viele haben uns geraten dort einen Abstecher einzulegen, da es einer der besten Plätze in ganz Goa sein soll. Arambol macht einen umtriebigen Eindruck. Während das Publikum bislang hauptsächlich aus trinkfesten Osteuropäern bestand, bietet sich hier eine bunte Mischung aus allen möglichen Kulturen. Der Strand ist weitläufig und breit, mit unzähligen Restaurants. Fischerboote lauern auf den frühen Morgen, um endlich wieder in See zu stechen, Touristen laben sich in der Sonne und selbst die heiligen Kühe erfreuen sich an der ausgelassenen Stimmung. Entspannt lassen wir uns nieder und gehen schwimmen. Zum Sonnenuntergang versammeln sich Hippis, Musiker, Artisten, Yogis, Aussteiger und alles was sich aus eigener Kraft zum Strand schleppen kann. Andächtig blicken einige in die rote Sonnenkugel, andere spielen auf ihren Trommeln, Artisten jonglieren mit Gegenständen, einige tanzen und jeder fühlte sich geborgen in der Gemeinschaft.



Völlig entspannt verfolge ich die letzten Züge der Sonne, die Füße in den Sand gebohrt, die weiße Salzkruste auf der Haut. Auf den Lippen ein Geschmack von grenzenloser Freiheit und Geborgenheit. Zum ersten Mal seit langem fühle ich mich nicht gehetzt, nicht gestresst, einfach nur tiefenentspannt. Vergessen sind die Visaplagereien, die elend langen Stunden an der Passkontrolle und der anstrengende Flug. Ich kann verstehen weshalb so viele Menschen hier überwintern. Es ist nicht nur der günstige Lebensunterhalt, das gute Essen und das phänomenale Wetter. Es ist diese Freundlichkeit, mit der man sofort überall empfangen wird. Man fühlt sich als Teil einer großen Familie, die zusammen das süße Leben genießt.


Gegen Abend, wenn die Lichter an den Strandrestaurants angehen und die Kerzen auf den Tischen flackern, schimmert Arambol romantischen in die Dunkelheit. In den Bars finden Jam Sessions statt, ungeniert werden Joints geraucht und jeder murmelt sich bequem in seinen Sitz. Inder singen Volkslieder, Ukrainern Zigeunerlieder, Reggae, Pop, Country und Akustik, alles findet auf den Bühnen Anklang. Zu späterer Stunde wummern dann noch die dumpfen Goa Beats durch die Bars und alle tanzen ungeniert und völlig losgelöst.
Goa mag nicht die attraktivsten Stränden, Resorts und Clubs haben, aber dafür eine multikulturelle Gemeinschaft, die respektvoll und liebevoll miteinander umgeht. Selten habe ich mich an einem Ort so geborgen und integriert gefühlt.


Reisebericht | Goa | Indien | Arambol | Yoga | Vasco da Gama | Vagator


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