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Riesenschildkröten und Traumstrände

Reisebericht Seychellen


Der Wecker leuchtet mit grellen roten Ziffern, 06:30 Uhr, für eine Sekunde schrecke ich auf und weiß nicht genau wo ich bin. Seelig lasse ich mich wieder auf das Kopfkissen fallen, mit der Gewissheit, im Paradies zu sein.


Gestern um diese Zeit sind wir auf der Mahé gelandet. Schon der Flughafen mit seinen schroffen, grasgrünen Bergen im Hintergrund, erinnert an eine Episode aus Lost. Gestrandet auf einer einsamen Insel. Doch Mahé ist alles andere als einsam und unbewohnt, 90 Prozent der rund 82.000 Seychellois leben hier. Ich zerre den Foto aus dem Handgepäck und will ein Bild von der beeindruckenden Kulisse machen, doch die Kameralinse beschlägt sofort, zu groß ist der Temperaturunterschied, unseres auf gefühlte 5 Grad herunter gekühlten Flugzeugs und dem tropisch feuchten Klima der Insel. Die lange Hose klebt bereits, wie eine zweite Haut an unseren Beinen und wir traben in das Terminal zur Passkontrolle. Karibische Klänge empfangen uns aus den Lautsprechern und mit der Ruhe eines tibetanischen Mönches, bekommen wir die Coco de Mer, das Symbol der Inselrepublik, in unsere Pässe gehämmert. Wir warten vor dem ratternden Laufband, bis unsere Rucksäcke endlich herangekarrt werden. Schwer zu entdecken sind sie zwischen den ganzen bunten Hartschalenkoffern sowieso nicht. Vorbei an Neckermann und TUI Schildern, schlagen wir uns Richtung Ausgang, zum Geld wechseln. Vieles lässt sich auf den Seychellen in Dollar oder Euro bezahlen, aber für den lokalen Bus benötigt man unter anderem doch noch ein paar Rupien. In kleinen Bretterbuden, direkt vor dem Terminal, feilschen wir um den Wechselkurs. Gerüstet für ein Abenteuer im Paradies überqueren wir die Strasse und warten auf den Bus in die Hauptstadt Victoria. Zahllose Mitreisende verlassen unterdessen in ihren Touristenbussen den Flughafen und nach kurzer Zeit sitzen wir verlassen da und warten.



Ein voll beladener Bus braust heran, bremst scharf vor uns ab und wir zwängen uns eilig hinein. Wir bekommen nur noch einen schmalen Stehplatz direkt neben dem Fahrer und klammern uns, aufgrund der sportlichen Fahrweise, an einer Metallstange fest. Drei Rupie, ca. 20 Cent kostet eine Fahrt um die halbe Insel. Nach kurzem erreichen wir Victoria und laufen zu Fuß die Strecke zum Peer. Eine bunte Landkarte vom Flughafen weißt uns dabei den Weg. Wir wollen erstmal ausspannen, uns an Stränden laben, die man sonst nur aus Raffaellowerbungen oder der Mittelseite im Playboy kennt. Also ab nach La Digue. Die Überfahrt kostet an Wochenenden zwar stolze 40,- Euro pro Person, da nur der schnelle "Cat Cocos" Katamaran pendelt, aber selbst das kann unsere Vorfreude nicht mehr trüben. Der Fahrtwind bläst uns ins Gesicht, das Schiff schaukelt beruhigend und wir genießen die Aussicht. Nach einem kurzen Zwischenstopp in Praslin, sind wir am Ziel, auf der viertgrößten der Granitinseln, auf La Digue. Keine Autos, keine Kriminalität, keine giftigen Tiere, keine Hektik und kein Stress, kurz gesagt, das Paradies.


Das Vanilla Gästehaus, unsere Bleibe für die nächsten Tage, ist schnell gefunden und genauso herzlich und verrückt, wie ihre Besitzerin Madame Bibi. An jeder Ecke stehen weiße Steinsäulen mit bunten Schildkröten oder Meerjungfrauen darauf, umringt von rot leuchtenden Hibiskusblüten und Kokosnusspalmen. An ausruhen und schlafen, ist jetzt noch nicht zu denken, wir leihen uns Mountainbikes aus und beginnen die Insel zu erkunden. Die Strassen auf La Digue sind schmal und gleichen heimischen Radwegen. Ab und an begegnet man ein paar Hühnern oder einem Ochsenkarren, der die schweren Koffer inklusive dessen nicht minder schweren Besitzer, zu dessen Hotel karrt. Lauter Reggae schallt aus den Häusern und schon nach kurzer Zeit gleichen unsere Lacktatwerte denen, eines Pandabärs in der Duldungsstarre. Da stört es auch keinen, dass die Fahrräder kein Licht besitzen und auch keine Straßenlaternen vorhanden sind. Aber für Nachtschwärmer sind die Seychellen im Allgemeinen wohl eher die falsche Adresse, hier gibt es nicht viel, außer Samstagabends, genau heute. Ab 23:00 Uhr strömen die Insulaner und auch eine Hand voll Touristen, in eine der wenigen Openair Bars und tanzen und feiern zu Reggaeton und karibischen Rhythmen, bis früh in die Morgenstunden. Klar dass wir uns das nicht entgehen lassen.

Trotz der ausgelassenen Feier und des Schlafmangels der Anreise, bin ich schon um 06:30 Uhr wach und starre ungläubig auf den Wecker. Die Morgensonne blickt neugierig durch die Ritzen der Fensterläden und begrüßt mich. Nichts hält mich mehr im Bett, ich ziehe hurtig meine Badehose über und schwinge mich auf mein Fahrrad. Um diese Uhrzeit begegnet man kaum einer Menschenseele, es scheint als würde einem die ganze Insel alleine gehören. Der Grande Anse mit seinem feinen und puderweißen Sand ist noch menschenleer und erscheint, wie ein noch unberührtes Fleckchen Erde. Nichts trübt den Blick, keine Hotels, keine Liegestühle, keine Sonnenschirme, keine Touristenhorden und kein Müll. Auf der ganzen Insel dürfen Gebäude nicht höher gebaut werden, als die Palmen wachsen können, aber am Grand Anse gibt es noch nicht einmal ein Gebäude. Lediglich eine kleine Bretterbude, die als Strandbar dient, zeugt von der existent menschlichen Lebens. Das wirklich faszinierende an den Seychellen ist nicht der puderweiße Sand, der in der Sonne so blendet, dass einem ohne Sonnenbrille nach kurzer Zeit schon die Augen tränen. Es sind auch nicht die unberührten, menschenleeren Strände, die aussehen, als würde man eine Fototapete im Baumarkt betrachten. Das wirklich einmalige an den Seychellen sind die grau und rot schimmernden Granitfelsen, die das Wetter und die Gezeiten über Millionen von Jahren zu skurrilen Gesteinsformationen geschliffen haben. Die Inselgruppe gehört damit zu den wenigen ozeanischen Inseln, die aus kontinentalem Gestein bestehen.



Inzwischen ist es kurz vor 09:00 Uhr und ich mache mich auf den Rückweg ins Gästehaus. Heute wollen wir uns einen Überblick über La Digue verschaffen und wie könnte man das besser, als den einzigen Berg der Insel zu erklimmen. Laut der bunten Karte vom Flughafen, ist der Nid Aigles, das Adlernest, 333 Meter hoch. Das klingt selbst für uns als unbedarfte Bergsteiger, nach einem Spaziergang. Gestärkt und mit reichlich Wasser beladen, machen wir uns zur Expedition auf. Der Weg ist nicht schwer zu finden, es gibt nicht besonders viele Strassen auf dem nur 15 Quadratkilometer großen Eiland. Schon nach kurzer Fahrt, gewinnt die Strasse deutlich an Steigung und wir stellen uns in die Pedale, um nicht schon am ersten Anstieg schieben zu müssen. Mit einem leisen "ratsch", löst sich die Kette meines Fahrrads und ich trete ins leere, während sich mein Drahtesel mit mir als Ballst langsam rückwärts bewegt. Es hilft alles fluchen und schimpfen nichts, schieben ist angesagt. Wie Enten watscheln wir mit klatschenden Flip Flops, das Fahrrad schiebend, den Berg hinauf. Immer steiler wird der Weg und so langsam wird uns bewusst, dass Flip Flops wohl doch nicht das optimale Schuhwerk, für eine Expedition auf das Adlernest sind. Wir ziehen die Badelatschen aus und befestigen sie an den Fahrrädern, die wir noch immer, in der Hoffnung auf einen flachen befahrbaren Abschnitt neben uns herschieben. Die Sonne brennt erbarmungslos auf uns nieder und der Schweiß rinnt in Strömen. Obwohl es erst 11:00 Uhr ist, hat die kleine Strasse schon gefühlte 60 Grad und ein durchschnaufen, ist nur im Schatten möglich. Wir keuchen von einer Schattenfläche zur Anderen und entschließen uns, die Fahrräder stehen zu lassen. Ein Schild weißt uns den Weg zum Belle Vue und gibt uns neue Hoffnung, wenn auch nur für kurze Zeit. Abrupt endet der Weg am Belle Vue, einem kleinen Restaurant, dass einen unglaublichen Ausblick über La Digue und die Nachbarinseln bietet. Wir lassen uns erschöpft in die Plastikstühle fallen und wischen uns den Schweiß aus den Augen.


Natürlich sind wir die einzigen Gäste, jeder Tourist mit einem Funken Verstand genießt die herrlichen Strände und labt sich in der Sonne. Mit einem freundlichen Lächeln serviert uns die ruhige Bedienung einen kühlen Fruchtshake. Dass wir aussehen als wären wir soeben den New York Marathon gelaufen, scheint sie nicht sonderlich zu stören. Wahrscheinlich kommt kein Mitteleuropäer ohne Schweißausbruch im Belle Vue an. Noch immer fehlt uns ein gutes Stück bis zum Gipfel. Wir fragen unsere nette Bedienung nach dem Weg und werden auf einen Trampelpfad hinter dem Haus verwiesen. Ein Glück dass wir die Räder schon längst abgestellt haben. Wir verabschieden uns und setzen unseren Aufstieg fort. Kurz bevor der Pfad durch ein dichtes Tropenwaldgebiet führt, halten wir noch einmal inne und genießen den Ausblick. Überrascht bemerken wir eine Riesenschildkröte, die nur einen knappen Meter neben uns, versteckt unter dürren Ästen, ihr Mittagessen einnimmt. So nah haben wir noch nie eine wilde Riesenschildkröte gesehen. Wir füttern sie mit ein paar saftig grünen Zweigen und fragen uns, wie dieses gepanzerte Objekt, den Aufstieg hierher geschafft hat. Es muss einer der Ninja Turtels sein, beschließen wir, taufen ihn auf den Namen Michelangelo und setzen unsere Reise fort.


Der Weg durch den Tropenwald ist kühl, große Wurzeln und Steine prägen das Bild und erschweren den Aufstieg, aber so kurz vor dem Gipfel ist an Aufgabe nicht mehr zu denken. Schon nach ein paar Minuten wird der Wald lichter und der Gipfel scheint in greifbarer Nähe. Durch die schulterhohen Sträucher kann man schon das türkisblaue Wasser in der Ferne blitzen sehen. Wie im Wahn erhöhen wir das Lauftempo und sprinten die letzten Meter bis zum Gipfel um uns dann jubelnd in die Arme zu fallen. Eine unbeschreibliche Aussicht bietet sich uns. Die Nachbarinsel Praslin, selbst das 50 km entfernte Mahé ist gut zu erkennen. Auf der anderen Seite sieht man die kleineren Inseln Félicité, Marianne und West und East Sister Island. Drumherum ist alles blau. Wasser soweit das Auge reicht und uns wird zum ersten Mal bewusst, dass wir 1.600 km vom nächsten Festland entfernt sind.


"ADOS LA DIGUE 1977", steht auf einem runden Stein der hier oben 333 Meter über dem Meeresspiegel vor uns aus dem Boden ragt. "Der kleine Erdwall auf La Digue", dieser war alles andere als ein kleiner Spaziergang. Zufrieden und überwältigt von den gesammelten Eindrücken, machen wir uns auf den Rückweg, voller Vorfreude und mit dem Wissen, dass noch weitere wundervolle Tage im Paradies folgen werden.


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