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Feiern hinter dem Bücherregal

Reisebericht Lemberg, Ukraine


Der Flieger setzt hart auf der Landebahn auf. Lemberg 19:35 Uhr regen. Wir eilen in das Flughafengebäude, dicht gedrängt stehen wir in dem engen Raum, der eher einem Bahnhofswartesaal gleicht, als einem Flughafen. Die Passkontrolle ist schleppend, die Beamten mit den großen runden Hüten kontrollieren jeden Pass akribisch, bevor sie den Stempel hineinhämmern.


Vor dem Flughafen warten bereits die Taxifahrer, um uns in die Innenstadt zu fahren. Der alte Lada und sein nicht wesentlich jüngerer Fahrer kämpfen sich über das glatte Kopfsteinpflaster. Bei jeder Unebenheit sitzt die Karosse, unter unserem Gewicht, auf den Rädern auf. Nach ca. 30 Minuten Fahrt wechseln wir im Zentrum etwas Geld, bevor wir zu dem Apartment fahren, dass wir vorab über das Internet gebucht haben. Svetlana, die Vermieterin, erwartet uns bereits in der geräumigen 3 Zimmer Stadtwohnung, mit dem Flair eines Altersheims. Die Einrichtung erinnert stark an die meiner Großeltern, mit schweren Gardinen, bunten Teppichen, alten knarzigen Betten und breiten Stoffsesseln. Es scheint als hätten wir eine Reise in die Vergangenheit gebucht, lediglich der moderne Fernseher, der gerade schreiend eine ukrainische Spielshow überträgt, zeugt vom Fortschritt. Wir stellen unser Gepäck ab, lassen uns die Wohnung erklären und flüchten dann in die Innenstadt zum Abendessen.



Soljanka, eine würzige, säuerliche Suppe mit Oliven, Fleisch, Zitrone und Schmand als Vorspeise. Mit Reis und Hackfleisch gefüllte Kohlrohladen als Hauptgang und als Nachspeise
Wareniki, gekochte Teigtaschen mit Quark, Kirschen und Schmand. So wohlgenährt schlendern wir zufrieden durch die Strassen und Gassen der Innenstadt und lauschen dem hallenden klappern der Stöckelabsätze vorbeilaufender Frauen. Am Marktplatz suchen wir ein Lokal, um den hochgelobten ukrainischen Vodka zu probieren. Wir fragen uns durch und tatsächlich zeigen uns ein paar Einheimische den perfekten Platz dafür. In einer kleinen Seitengasse vor einer massiven Holztür. Man klopft, ein Guckfenster öffnet sich und ein alter Mann mit Mütze und Bart, der Fidel Castro erschreckend ähnlich sieht, schaut uns an und fragt nach der Parole. Unsere Begleiter helfen uns aus und wenige Sekunden später öffnet sich die schwere Holztür. Fidel Castro steht vor uns, in seiner verwaschenen grünen Uniform und mit einer Kalaschnikow um den Hals, drückt er jedem von uns ein Glas Schnaps in die Hand und prostet uns zu. Auf den ersten Blick sieht das Lokal klein und beschaulich aus, es gibt nur vier Tische und kaum Gäste. Doch Fidel hat noch ein Ass im Ärmel, er öffnet eine, als Bücherregal getarnte Tür und zeigt auf eine schmale hölzerne Kellertreppe. Er hat die Waffe, er macht die Regeln, denken wir und schleichen hinunter in einen riesigen Gewölbekeller. Es ist heiß, stickig und voll. Zwei in Trachten gekleidete Musiker spielen alte russische Volkslieder und die Gäste singen fleißig mit. Wir setzen uns an einen der Tische und bestellen. Salo, würziger Speck mit Schwarzbrot und eingelegten Gurken, Kraut und Tomaten, dazu Vodka mit Honig.


Ukrainischer Vodka ist tatsächlich einer der Besten, den wir je getrunken haben, selbst am nächsten Morgen ist keine Spur von Katerstimmung. Wir beginnen den zweiten Tag mit Kultur und einer Stadtführung. Unser erfahrener Führer Volodimir hat Germanistik in Kiew studiert und spricht fließend deutsch, obwohl er nie dort gewesen ist. Wir bekommen einen Einblick in die belebte Geschichte der Stadt. Von der Gründung 1256, zur polnischen Herrschaft 1340, bis zur Hauptstadt Galiziens ab 1772. Zwischen 1918 und 1944 wechselte die Herrschaft über die Stadt mehrfach, von der Westukrainischen Republik zur Polnischen Herrschaft, zur Eingliederung in die Ukrainische Sowjetrepublik, bis zum deutschen Generalgouvernements und schließlich erneut unter sowjetische Herrschaft. Seit 1991 ist Lemberg Teil der unabhängigen Ukraine. Durch die Verschmelzung von architektonischen und künstlerischen Traditionen der verschiedenen ethnischen Gruppen, bildeten sich in Lemberg unterschiedlichste Stadtviertel, die auch heute noch im modernen Stadtbild erkennbar sind. Seit 1998 zählt daher das historische Zentrum der Stadt zum Weltkulturerbe der UNESCO.



Drei Stunden später, nachdem wir die verschiedensten Kirchen und Denkmäler begutachtet haben, klettern wir zum Abschluss der Führung auf den Rathausturm und genießen den Blick über Lemberg. Doch soviel Kultur macht auch hungrig und wir entscheiden uns dafür, unsere kulinarische Erkundungsreise fortzusetzen. Wir fahren mit dem Taxi aus der Stadt, um an einem Wald, abseits der Großstadt, Schaschlik zu essen. Kaum angekommen steigt einem der Duft von gegrilltem Fleisch in die Nase und wir suchen uns einen Sitzplatz. Man sitzt in kleinen überdachten Hütten, trinkt Vodka und Bier und ist herrlich gegrilltes Schaschlikfleisch mit eingelegten Tomaten und Gurken.


Zwei Stunden und drei Kilo Schaschlik später, quälen wir uns aus der Hütte und fahren zurück nach Lemberg. Wir haben bei der Stadtführung Karten für die Abendvorstellung der Lemberger Oper gekauft und warten in einem der zahlreichen Kaffeehäuser mit Kaffee und Cognac, auf den Beginn der Vorführung. Carmina Burana wird aufgeführt und für fünf Euro pro Karte, haben wir entweder einen Stehplatz neben der Toilette oder sind der ukrainischen Mafia auf den Leim gegangen. Gekleidet in unseren feinsten Hemden, machen wir uns auf den Weg. Die glorreichen Hallen und der prachtvolle Spiegelsaal der Oper beeindrucken und faszinieren zugleich, doch noch fantastischer sind unsere Plätze, fünfte Reihe Mitte. Wir haben einen sensationellen Blick auf die Bühne. "NaNa nana" mit einem Paukenschlag beginnt die Vorführung. Auf einer langen schmalen Anzeigetafel über der Bühne, läuft der Text der Oper auf roter kyrillischer Schrift mit. Die Oper hat eine herrliche Akustik und wir genießen die Vorführung.


Nach einer guten Stunde ist das Spektakel auch schon zu Ende. Unser imaginärer Eventkalender zeigt nun leichtere Kost an und wir machen uns auf, in einen der heißesten Clubs Lembergs. Im Fashion Club herrscht schon ausgelassene Stimmung und wir stürzen uns, zu steilen Housebeats, auf die Tanzfläche. Selten haben wir so viele attraktive Frauen auf einem Fleck gesehen.


Gegen fünf Uhr morgens kriechen wir förmlich zu unserem Apartment und lassen uns auf die knarzenden Betten fallen. Unser imaginärer Eventkalender hat noch immer zahlreiche kulturelle und kulinarische Ereignisse für uns geplant und wir freuen uns auf die nächsten erlebnisreichen Tage in Lemberg, dem Wien des Ostens.


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